Sendung: Aufgeweckt - Mehr am Morgen Redaktion
AutorIn: Kilian Schlichting
Datum:
Dauer: 05:33 Minuten bisher gehört: 494
Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. So gesehen kann man nicht behaupten, SPD und Linke würden sich nicht lieben … irgendwie. Irgendwie konmen sie aber auch nicht besonders gut miteinander aus. Gerd Nier kann davon ein Lied singen. Er war ursprünglich SPD-Mitglied, bis er der Partei enttäuscht den Rücken kehrte. Heute tritt Nier als Direktkandidat bei der Bundestagswahl für die Linke im Wahlkreis Göttingen an. Wo seine politischen Schwerpunkte liegen und was er über das Verhältnis von SPD und Linkspartei zu sagen hat, erfahren Sie jetzt von Kilian Schlichting.
Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von: Lünemann

Manuskript

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Gerd Nier wurde 1947 in Kassel geboren und ging in Hessisch-Lichtenau aufs Gymnasium. 1972 trat der gelernte Heimerzieher eine Stelle im Göttinger Maschmühlenweg im Bereich der Obdachlosenarbeit an. Die Erfahrungen dort haben seine politischen Ansichten entscheidend geprägt:

 

O-Ton 1, Nier, 40 sec.

„Sicherlich, weil ich da schon erlebt habe, wie knapp die Mittel für manche Menschen sind, wie die wirklich ihren Alltag bewältigen müssen, indem sie ihr Geld zählen und es ist glaub' ich häufig auch ein falsches Bild vermittelt worden von diesen Menschen. Das sind nicht überwiegend faule Menschen, das sind häufig Menschen, die zum Teil schwere Schicksalsschläge hinnehmen mussten oder auch eben nicht verkraftet haben. Es sind häufiger Menschen gewesen mit vielen Kindern. Und ich habe ja die Zeit dann auch so mitbekommen, als unsere ausländischen Mitbürger hier ankamen, die überzeugend auch für ihre Kinder gesorgt haben, eben nicht mit dem materiellen Hintergrund, den andere zur Verfügung haben.“

 

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1976 beschloss Nier, noch einmal zu studieren und schrieb sich an der Georgia Augusta für ein Studium der Pädagogik, Soziologie und Kinder- und Jugendpsychiatrie ein, das er vier Jahre später mit dem Magister abschloss. Anschließend war er als Ausbilder von Erziehern an den Berufsbildenden Schulen III tätig. Bereits zu Beginn seiner Studien saß der Hobby-Gärtner für die SPD im Rat der Stadt Göttingen, 1986 war er sogar Bundestagskandidat. Drei Jahre später folgte sein Austritt aus der Partei, hauptsächlich wegen der Enttäuschung über das U-Bootgeschäft mit dem Apartheidsregime in Südafrika, das auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder mit auf den Weg gebracht hatte. Friedenspolitik ist dem konfessionslosen Christen Nier auch heute noch wichtig:

 

O-Ton 2, Nier, 27 sec.

„Und das heißt aber in der politischen Konsequenz auch: ich meine, dass wir ja durch Rüstungslieferungen keinen Frieden schaffen, sondern das Leid eventuell noch vergrößern. Ich meine auch, dass wir gerade mit unserer Geschichte nicht an vorderster Stelle mitstehen sollten mit Auslandseinsätzen unserer Bundeswehr. Aber das sind ja Positionen, die die Linke insgesamt ja auch proklamiert. Wir waren die Ersten, die gesagt haben: Nee, kommt! Geht raus aus Afghanistan!“

 

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Nier blieb 15 Jahre parteilos, bis 2004 die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit“ (WASG) gegründet wurde, aus der später die Linkspartei hervorging. Hier übt er zur Zeit keine Parteifunktion aus, widmet sich aber seit seinem Ruhestand 2011 verstärkt der Kommunalpolitik. Von dem Betreuungsgeld hält der Vater von zwei erwachsenen Kindern wenig. Das Geld solle lieber in den Ausbau von Krippen und Kindertagesstätten investiert werden. Der Bundeskanzlerin wirft er Versäumnisse in der Ausspäh-Affäre um den amerikanischen Geheimdienst NSA vor:

 

O-Ton 3, Nier, 33 sec.

„Also ich erwarte einfach von der Bundesregierung eine ganz klare Stellungnahme gegenüber den Freunden in den USA, was hier Recht ist in diesem Staat, und dass sich dann auch egal welcher Geheimdienst, ob nun NSA oder unser BND, auch genauso wie jeder Bürger und jede Bürgerin an Recht und Gesetz halten müssen! Wir haben doch nicht umsonst diese so genannten Mütter und Väter des Grundgesetzes – das Postgeheimnis, das Fernmeldegeheimnis – ins Grundgesetz gesetzt. Ich bin für Transparenz in der Politik, aber ich will keinen gläsernen Bürger!“

 

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Außerdem kritisiert Nier die europäische Sparpolitik. Seiner Meinung nach hätte man den Krisenstaaten mit einem Investitionsprogramm helfen sollen, um dort einen wirtschaftlichen Aufschwung zu bewirken. Jetzt zahlten die Falschen die Zeche, Solidarität gegenüber Menschen mit geringem Einkommen suche man vergebens. Allerdings sind auch die Parteien des linken Spektrums untereinander nicht gerade solidarisch. In mehreren Bundesländern zog die SPD zuletzt eine Koalition mit der CDU der Linkspartei vor, auch wenn sie deshalb darauf verzichten musste, den Ministerpräsidenten zu stellen. Nier vermutet, die SPD leide an gebrochenem Herzen:

 

O-Ton 4, Nier, 37 sec.

„Ich weiß nicht, ich will da nicht psychologisieren, aber vielleicht ist das so ein bisschen auch eine Hassliebe! Wenn jemand eine Partei verlässt, dann ist das vielleicht ein Vergehen, was man ihm sehr übel nimmt – und diese Abgrenzung! Ja, die SPD hat natürlich mit dem Aufkommen der Linken auch eher an die Linke Wähler verloren als die konservativen Parteien, insofern ist die Konkurrenz oder der Konkurrenzdruck vielleicht auch noch stärker. Ich finde es eigentlich fast manchmal ein bisschen lächerlich, wie diese Abgrenzungsversuche und Argumente laufen.“

 

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Nier geht nicht davon aus, dass der Linken nach der Wahl Koalitionsangebote unterbreitet werden, die Partei mache ihre Sache aber auch in der Opposition sehr gut.